Hochbegabung

Gert Mittring (copyright: Dr. Ida Fleiß)

Hochbegabung und Intelligenz

Die Wissenschaft spricht von (intellektueller) Hochbegabung, wenn bei einer Person ein fachpsychologisch ermittelter Intelligenzwert vorliegt, der höher ist als bei 98 % der Gesamtbevölkerung. Bei den von Mensa eingesetzten Testverfahren ist das ein IQ von 130 und höher.

Hochbegabung kennen wir in vielen Persönlichkeitsbereichen: die musische/künstlerische Hochbegabung, die sprachliche, die mathematisch/naturwissenschaftliche, die soziale, die kinästhetische/sportliche Hochbegabung usw. .  Howard Gardner hat über diese "multiplen Intelligenzen" in seinem Buch "Der Abschied vom IQ" geschrieben.

Hochbegabungen sind "normalverteilt": Sie sind in allen sozialen Schichten und bei allen Nationalitäten anzutreffen. Viele Untersuchungen dazu sind angestellt worden. Die berühmteste davon ist wohl die Terman-Studie, eine Langzeituntersuchung, in welcher Teilnehmer über Jahrzehnte hinweg beobachtet und getestet wurden. Diese Studie heißt "Genetic Study of the Genius" und wollte beweisen, daß es zwischen Hochbegabung und anderen Faktoren, wie Krankheiten, psychischen Problemen (Neurosen), bestimmten Lebensläufen, Karrieren u.ä. keine Beziehung gibt. Die Probanden hatten alle einen gemessenen IQ von 140 und mehr (also höher als bei 99,6 %der Bevölkerung). Eine Kurzfassung dieser Untersuchung ist im Büchlein "Stichwort Intelligenz" von Ralf Horn (Heyne Taschenbuch 4028, Seite 66 ff.) nachzulesen.

Die deutschsprachige Literatur zum Thema Hochbegabung ist nicht berauschend. Die weitaus meisten Titel finden sich unter anglo-amerikanischen Untersuchungen. Daraus kann man das Interesse der Forschung an diesem Phänomen (und damit auch den gesellschaftlichen Stellenwert von Hochbegabung) bei uns und in den USA bzw. England ablesen... (Übrigens: ein recht gutes Buch zum Thema "Hochbegabung" hat Barbara Feger geschrieben – Hans Huber Verlag, 1. Auflage 1988; ISBN 3-456-81431-3).

Während man künstlerisch hochbegabte Kinder ziemlich schnell und leicht erkennt (sie dichten, malen, musizieren schöner und besser als Gleichaltrige) oder auch kinästhetische Talente eher aufspürt (diese Kinder tanzen schön oder fallen bei Sportübungen auf), bleiben viele intellektuell hochbegabte Kinder unerkannt. Noch schlimmer: Sie werden verkannt und oft als verhaltensgestört oder lernbehindert eingestuft. Hier hilft nur noch ein Intelligenztest, durchgeführt von einem diagnostisch erfahrenen Psychologen.

Die Intelligenz und ihre Messung – Allgemeines zu Intelligenztests

Anders als die intellektuelle Hochbegabung, die als Aufnahmekriterium für Mensa gilt, ist es schwierig, die anderen Hochbegabungen zu messen. Wie will man objektiv bewerten, ob (und um wieviel) dieser Lyriker höher begabt ist als jener Dramatiker? Oder ein Dirigent begabter ist als ein Hornist?

Aber auch bei der "Intelligenz" tun sich manche Forscher schwer. Sie behaupten, Intelligenz könne man nicht messen, da zur Intelligenz noch mehr gehöre als nur diese: nämlich auch noch Ausdauer, Motivation, Interessen usw. Ich möchte auf diesen Widersinn nicht weiter eingehen, wie Mensianer leicht verstehen werden. (Denn: Der Intelligenztest mißt, wie er schon sagt, die Intelligenz und nichts anderes. Für die Messung von Ausdauer, Motivation, Interessen, gibt es natürlich eigene Testverfahren!) Aber solche Fehleinschätzungen einiger Psychologen und Bildungspolitiker über das Wesen der Intelligenz sind es, die das Image der "Intelligenz" in der Bevölkerung und somit den Stand von Mensa nicht gerade positiv (!) beeinflussen.

Natürlich kann man Intelligenz messen! Neben den (reinen) Intelligenztests für verschiedene Altersgruppen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene), Intelligenzbereiche (Begabungsschwerpunkte; Normal-, Hoch-, Höchstbegabung) oder Zielrichtungen (Rehabilitation, Berufsberatung, Hochbegabtenauslese, Begabtenforschung u.a.) gibt es noch Entwicklungstests (durch die bei Kindern z.B. die Sprachentwicklung, die Wahrnehmung oder die Motorik geprüft werden können), Schultests (Schulfähigkeit, Schulleistung), in welchen auch Intelligenzleistungen feststellbar sind oder Leistungstests (wie etwa Aufmerksamkeits-, Konzentrationstests, Wahrnehmungstests usw.). Sie gehören ausschließlich in die Hände eigens dafür ausgebildeter Psychologen!

Um eine kleine Vorstellung davon zu geben, welche Dimensionen der Intelligenz durch Testverfahren meßbar sind, möchte ich hier einige anführen:

An diesen wenigen Beispielen von Intelligenzprüfverfahren wird deutlich, wie ernsthaft sich die Wissenschafter mit dem Phänomen der intellektuellen Leistungsfähigkeit befassen und wie töricht Behauptungen wie "Intelligenz kann man überhaupt nicht messen!" sind...

Es ist richtig, daß zu jedem Prüfverfahren erst Hypothesen gebildet werden müssen bzw. ein Rahmen abgesteckt werden muß, was überhaupt untersucht werden soll. Meist ist der Untersuchungsinhalt (ein Ausschnitt von intellektuellen Fähigkeiten) auch gleichzeitig die "Definition" dessen, was man messen will. Z.B. "die Fähigkeit, sich in neuen Situationen rasch, effizient und richtig zurechtzufinden, ohne Erfahrungswerte nutzen zu können" (das wäre die Definition für Intelligenz z.B. nach Forscher A) oder "den Leistungsgrad der psychischen Funktionen beim Lösen neuer Aufgaben" (das wäre "Intelligenz" z.B. nach Forscher B) usw. Ich glaube, jetzt wird es klar, warum es so viele Definitionen gibt, und warum es die alleingültige und alleinrichtige Definition nicht geben kann (es sei denn, sie ist einige Seiten lang – aber auch dann wird sie noch unvollständig bleiben müssen!).

Die Messung der Intelligenz (besser gesagt: spezieller Intelligenzbereiche oder Intelligenzdimensionen) kann unterschiedlich erfolgen: als paper-pencil-Test; als Arbeitsprobe; im Einzel- oder Gruppentest; mit oder ohne Zeitvorgaben – aber immer muß sie durch speziell ausgebildetes Personal unter der Aufsicht eines Diplompsychologen erfolgen. In der Bundesrepublik gibt es eine Initiative des Berufsverbandes der Psychologen, die die Qualitätssicherung von Testdurchführungen zum Inhalt hat. Anlaß dafür geben Anbieter auf dem Markt, die weder selber das notwendige Fachwissen haben, noch zuverlässige Tests anbieten. Es wird sozusagen mit schlechten Tests dilettantisch getestet – und das zu hohen Preisen.

Es wird nun auch klar, daß es den Intelligenztest nicht geben kann. Weltweit werden eine große Anzahl verschiedener Verfahren angewandt, die gleichzeitig auch verschiedene Skalenwerte benutzen. Wenn man einen IQ angibt, muß man unbedingt auch das Meßverfahren dazu angeben (z.B. 130 nach Amthauer), sonst hat eine solche Aussage keinerlei Wert. Es ist, als würde ich eine Temperaturangabe machen "45 Grad". Besagt gar nichts, denn es könnten Reaumur, Kelvin, Fahrenheit oder Celsius sein – und dann wäre es unter Umständen ganz schön kalt oder auch heiß...

Deshalb ist es noch sinnvoller, anstelle der IQ-Werte einfach den Prozentrang anzugeben, auf welchem sich ein bestimmter IQ-Wert befindet. Bei jedem Test kann man nämlich zur IQ-Verteilung (Mittelwert = 100; Standardabweichung = 10 oder 15 o.ä.) auch den jeweiligen Prozentrang angeben. Der liegt bei Mensa weltweit in den oberen 2 Prozent. Da kann einer einen IQ von 160, 800, oder 12 haben: Wenn er dem von Mensa International erforderlichen Aufnahmekriterium entspricht, sind alle diese Werte in etwa gleichwertig!

1) unter "kristalliner Intelligenz" verstehen die Autoren Intelligenzleistungen, bei denen kulturelle Faktoren eine Rolle spielen; unter "fluider Intelligenz" verstehen sie die Grundintelligenz, eine von sozialer Herkunft, Geschlecht und sozial-kulturellen Fähigkeiten unabhängige Fähigkeit zu "sprachfreiem", relationserfassendem Denken