Mensa Kids - Grundsätzliche Überlegungen

Wie Sie Ihrem hochbegabten Kind Gutes tun können:
über Soziales Kompetenz, Eigenverantwortung und Herausforderungen

Dr. Frank Lechtenberg
MinD-Magazin Dez. 2000
Mensa in Deutschland e. V.

Inzwischen ist die Abteilung für die jüngsten Mensaner ein Jahr alt geworden. Zeit, mal ein paar Dinge grundsätzlich klar zu stellen.

MensaKids, so der Name für die Gruppe der jüngsten Mensaner, stellt sich zwei wesentliche Aufgaben: Hochbegabte Kinder erkennen und zusammenführen sowie die Erwachsenenwelt für die besonderen Anforderungen sensibilisieren.

Die Kernaussage an die Welt der Erwachsenen lautet eigentlich: Nehmt alle Kinder ernst. Redet nicht über sie, sondern mit ihnen. Dieser einfache Grundsatz trifft für alle Kinder zu; für Hochbegabte scheint allerdings die Verletzung dieser Regel offensichtlichere Folgen zu haben. Möglicherweise deswegen, weil diese Kinder schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt über eine äußerst scharfe und differenzierende Wahrnehmung verfügen.

Wenn wir Erwachsenen bewusster mit unseren Kinder umgehen, dann fällt uns das Erkennen von Indizien für Hochbegabung leichter. Leider verhalten sich hochbegabte Kinder vielfach ähnlich den schwach begabten Kindern und so stecken wir sie viel zu leichtsinnig und zu schnell in diese Schublade. Der Unterschied besteht darin, dass hochbegabte Kinder vielfach für ,,überraschende" Momente sorgen. Wenn Ihnen ein Dreijähriger die Funktionsweise einer Kindersicherung der Steckdose erklärt, weil Sie gerade mal wieder damit Schwierigkeiten haben, dann könnte dies ein Indiz sein. Wenn die Fünfjährige vor dem Fernseher bei der Ziehung der Lottozahlen plötzlich ,,237" sagt, könnte das die Summe aller Zahlen sein. Diese ,,lichten Momente" sind die sichersten Anzeichen für eine Hochbegabung. Kinder - insbesondere Mädchen - neigen jedoch zu bewusster Anpassung an ihre Peergroup. Dadurch vermeiden sie auch gerne diese ,,Ausbrüche" ihrer Fähigkeiten, insbesondere dann, wenn sie bei einer solchen Aktion abfällige Urteile (,,Klugscheißer",...) gehört haben.

Schlussendliche Sicherheit kann jedoch nur Intelligenztest bringen, der von einem erfahrenen Testpsychologen (das ist ein extra Studiengang!) mit gutem Draht zu Kindern durchgeführt wurde. Die Sensibilität von Kindern führt schnell zu falschen Ergebnissen, wenn die Atmosphäre beim Test nicht stimmt. Das Kind, gerade wenn es wirklich hochbegabt ist, verweigert sich ganz schnell. Eine erfahrene Fachkraft sollte die allerdings erkennen. Auch die Differentialdiagnostik und Abgrenzung gegen ADS, HKS, Wahrnehmungsstörungen und anderen Einflussfaktoren muss sicher und richtig stattfinden. Hier gibt es noch großen Bedarf an vertrauensvollen Fachkräften.

Die Förderung hochbegabter Kinder braucht m. E. kaum auf intellektuellem Gebiet stattfinden. Studien belegen, dass sich Kinder auch in vergleichsweise reizarmer Umgebung ihre Informationen besorgen. Wesentlich ist die soziale Komponente. Der vielfach gehörte Vorwurf ,,Ihr Kind ist sozial noch nicht soweit" (für eine rechtzeitige Einschulung; den spannenden Kurs, der erst ab 12 Jahre ist; das Überspringen von Klassen; ...) ist in den meisten Fällen schlichtweg Unsinn. Gerade wegen der enormen sozialen Kompetenz vieler hochbegabter Kinder erwecken sie den Eindruck von Inkompetenz. Es fehlt ihnen an Durchsetzungsvermögen. Oder sie ziehen sich von der Gruppe zurück. Dafür gibt es vielfach recht einfache Erklärungen: Hochbegabung bedeutet, dass das Kind sich in drei Jahren intellektuell um ca. 4 Jahre entwickelt. Daher sind bereits 6jährige ihren Altersgenossen so weit voraus, dass keine Kompatibilität mehr besteht. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen können Kinder nur auf der Ebene kommunizieren, auf der sich ihre Entwicklung gerade befindet. Daher vertragen sich verschieden weit entwickelte Kinder (sei es aus Altergründen oder wegen Unterschieden in der Begabung) nur schwer. Dies hat nichts mit Boshaftigkeit zu tun. Beide Entwicklungsstufen sprechen lediglich eine andere Sprache, die das jeweilige Gegenüber nicht verstehen kann. Das hochbegabte Kind sieht nun also eine nahezu homogene Gruppe von Gleichaltrigen, die jedoch ,,chinesisch" reden. Das Kind hält sich für dumm und verlässt die Gruppe. Möglicherweise wird es auch ausgeschlossen, weil die anderen Kinder das Spiel nicht verstehen. Mangelndes Durchsetzungsvermögen könnte zweierlei Ursachen haben: 1. Ein Kind kann sich nicht gegen andere Kinder durchsetzen, wenn es sie nicht versteht. 2. Ein Kind, welches die verbale Auseinandersetzung zur Konfliktlösung einsetzen will, kann sich nicht gegen körperliche Attacken wehren, gerade dann nicht, wenn seine hoch entwickelte soziale Kompetenz den Einsatz von Gewalt ablehnt. Schlimm wird es dann für Beteiligte und Außenstehende, wenn der Druck auf das Kind so groß wird, dass die es die physische Gewalt als einziges verbliebenes Mittel ansieht. Dann setzt ein ,,ansonsten immer friedliches und ruhiges" Kind plötzlich maßlose Gewalt ein. Dauert solch ein Druck auf das Kind zu lange an, oder wiederholt sich dieser zu oft, dann wird die Fähigkeit zum sozialen Miteinander verschüttet. Der Prozeß aus Ablehnung, Rückzug und Abschottung führt zur Entwicklung einer ,,eigenen Sprache", die niemand mehr versteht, und die Sprache der anderen wird nicht erlernt. Ist schlußendlich die Zeit der Sozialisation abgelaufen (ca. Ende der Pubertät) kann der junge Erwachsene nur noch mühsam umlernen, wenn ihm überhaupt das Problem bewusst wird.

Wenn Sie hochbegabten Kindern etwas Gutes tun wollen, dann führen Sie sie in großen Schritten an Eigenverantwortlichkeit heran. Geben Sie ihnen so viel Freiraum, wie möglich, aber halten glasklare und glasharte Regeln ein, die vorher(!) besprochen werden. Ein hochbegabtes Kind duldet keine Ausnahmen, die für sein Verständnis willkürlich sind. Dadurch würde der Erwachsene unglaubwürdig wirken und allen Respekt verlieren. Gerade in diesem Bereich sind hochbegabte Kinder gnadenlos. Es scheint mir wie im Pferdesport, wo man einem heißblütigen Araber alles abverlangen kann, wenn man selber reiten kann. Oder im Motorsport. Ein Formel-1-Rennwagen ermöglicht schnellste Rundenzeiten, aber er verzeiht keine Fehler.

Förderungsmöglichkeiten brauchen die Kinder wenig, wenn Sie sie ,,nur" dazu anhalten, mit offenen Augen durch unsere Welt zu gehen. Ein dreijähriges Kind, welches mit Buchstaben hantieren will, kann beim Einkaufen schon mal durch den Laden geschickt werden, um eine bestimmte Brotsorte zu holen. Mit etwas älteren kann man auch viel Spaß haben, wenn das Kind die Summe der Preise bereits vor der Kasse kennt. Es sind die ganz einfachen Dinge, die ständig präsent sind, welche diesen Kindern Spaß machen. Keine leichte Aufgabe für uns Erwachsene, die wir ständig der letzten 1/10-Sekunde Effizienz hinterher rennen und unsere Kinder spüren lassen, wie unvollkommen sie noch sind, weil sie ihre Schuhschleifen nicht in 3,8 sondern nur in 14,2 s binden können. Wenn wir merken, dass das Selberbinden der Schuhschleife bereits ein Riesenerfolg ist, dann werden unsere Kinder selbstbewußt an die nächste Herausforderung gehen und dann werden sie schlußendlich zu selbständigen Erwachsenen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, daß hochbegabte Kinder ständig eine Herausforderung sind. Wenn wir uns dieser Herausforderung stellen, dann sind diese Kinder - genau wie alle anderen Kinder - ein wunderbares Geschenk.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen paar Zeilen einen ersten Eindruck von unserer Arbeit gegeben zu haben. Wir befinden uns ständig auf Vorträgen, um genau diesen Ansatzpunkt den Eltern verständlich zu machen. In regionalen Gruppen schließen sich die Eltern hochbegabter Kinder zusammen, um sich selbst und ihren Kinder das Leben interessant zu machen. Als ,,Dachverband" können wir nützliche Tipps geben, den ersten Anschub geben und den Informationsfluss überregional aufrecht erhalten.

Wir versuchen auch, in Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen mehr Verständnis für die Belange hochbegabter Kinder zu erreichen. Das sollte unserer Meinung nach in speziellen Fortbildungsmaßnahmen für Erzieher (innen), Lehrer(innen) münden, sowie - zunächst auf Probe - in speziellen Klassenzügen für diese Kinder. Bei all diesem stehen wir jedoch erst am Anfang, da das Thema Hochbegabung noch nicht lange in Deutschland hoffähig ist. Auch haben noch nicht alle zuständigen Stellen mitbekommen, daß es inzwischen hoffähig ist.

Dr. Frank Lechtenberg, MensaKids